Landesverband der Unternehmerfrauen / Meisterfrauen im Handwerk Bayern e.V.
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Burn out  -  Brennen Frauen anders?

 

Man könnte mutmaßen, dass die Erkrankung Burn out, die erst seit wenigen Jahren bei immer mehr Erkrankungen diagnostiziert wird, aufgrund übermäßigen Belastung entstehen würde.

 

Früher haben Menschen aber auch mit großer Belastung gelebt!  
Ein Burn outSyndrom kannten unsere Vorfahren aber nicht.
Heute stellen wir nun immer öfter fest, dass wir völlig leer und ausgebrannt sind. 
Sogar der Lebensmut kommt uns abhanden!

 

Die Erkrankung Burn out darf aber nicht als Modeerscheinung abgetan werden.
Burn out ist inzwischen auch zu einem immensen Kostenfaktor für die Wirtschaft geworden.
Mitarbeiter die sich ausgebrannt fühlen, keinen Sinn mehr in ihren Aufgaben sehen, sind nicht produktiv. Der Maßstab für jede betriebliche Erfolgsrechnung in Klein- und Mittelständischen Betrieben ist aber nun einmal die Produktivität.

 

Unsere Lebens- und  Arbeitswelt zeichnet sich heute vermehrt dadurch aus, dass wir immer weniger Befriedigung in unseren Leistungen sehen.
Dies gilt sogar für unsere Freizeit!
Wir sind süchtig danach, immer neue Herausforderungen an zunehmen.
Haben wir erkannt, das wir über eine bestimmte Fähigkeit ausreichend verfügen, schwindet die Befriedigung. Eine neue Aufgabe wird angenommen und mit schier unmöglichem Einsatz auch bewerkstelligt.
Dabei bleibt natürlich einiges an Persönlichkeit auf der Strecke.
Rollen die wir eigentlich leicht und bequem erfüllen können und die uns liegen, unseren Fähigkeiten entsprechen, uns Befriedigung bringen, weisen wir von uns.
Wir sind zu Höherem berufen und wollen das auch beweisen.

 

Verglichen mit unseren Vorfahren haben wir heute eine längere Lebenserwartung. Trotzdem ist auch die zu kurz, um alle unsere Ziele zu verwirklichen.

 

Fortschritt kennt keine Stagnation. - Das was wir zur Schonung menschlicher Ressourcen schaffen, entpuppt sich als weitere Belastung.

 

Menschen sind heute erfolgreich. - Sind sie es nicht, sind sie Versager.


Burn out aus weiblicher und männlicher Sicht zu beschreiben ist nicht einfach.
Die Vorgaben unserer Geschlechterrollen definieren Belastung und Überlastung für Frauen und Männer ganz unterschiedlich.

 

Frauen sind belastbar, ausdauernd. Sie können mehrere Dinge gleichzeitig tun.
Sie denken weiträumiger, suchen Lösungen nicht nur oberflächlich, sondern gehen Dingen gerne auf den Grund. Ihr Anspruch dabei immer allen gerecht zu werden, schafft manche komplizierte Lebenssituation.


Schnell haben wir daher für eine erkrankte Frau eher die „Diagnose“ einer übersteigerten Selbstdarstellung parat. Würde sie nicht so viel Energie damit verbringen ihre Selbstverwirklichung voran zu treiben und statt dessen ihre bestehenden Aufgaben erledigen, käme es auch nicht zum Totalzusammenbruch.
Bis wir Frauen Burn out zugestehen wird  erst einmal verglichen, was andere Frauen leisten. Weibliche Vorbilder sind immer diszipliniert, fleißig, geben niemals auf. Trotzdem sind sie weiblich, also gütig und verständnisvoll.

 

Männer hingegen entsprechen unserer Ellbogengesellschaft.
Es wird hingenommen, wenn sie als vermeintlich Stärkere Schwächere unterdrücken und sich über sie hinweg setzen. Wir tolerieren, dass Männer Probleme hart angehen und  ihre Lösungen auch Opfer fordern.
Männer erkranken daher auch nicht. Eine Erkrankung, die sich über längere Zeit aufbaut, würde den Mann sichtbar mit seiner Überlastung konfrontieren. Das darf aber nicht sein, denn es würde Stärke und Macht untergraben.
Männer trifft Burn out daher von jetzt auf gleich:
bei einer Sechzigstundenwoche im Außendienst, schlechter Ernährung und unsteten Schlafzeiten kommt der Zusammenbruch unerwartet und schlagartig.
Gemäß unseren Erwartungen an soziale und kulturelle Vorgaben  „brennen“ Männer, nennen wir es ruhig, weitaus spektakulärer aus, als Frauen.

 

Natürlich gibt es auch Frauen, die nach jahrelanger anspruchsvoller Tätigkeit  plötzlich erkennen, dass ihnen der Sinn für ihr Leben abhanden gekommen ist.
Und auch sie trifft Burn out oft überraschend in Form eines Totalzusammenbruchs.
Allerdings wissen sie um die Vorzeichen!
Frauen erkennen schnell, wenn ihre Kraft nicht mehr ausreicht.
Durch Emanzipation und auch durch den Druck im Arbeitsleben können sie aber kaum auf ihre Überlastung eingehen.
Angetrieben von ihrem Rollenverständnis sind sie nicht in der Lage sich von ihrer Verantwortung gegenüber der Familie, dem Arbeitgeber, der Erwartungshaltung der Gesellschaft, ab zuwenden.
Plakativ kann man sagen:
im Unterschied zu Männern können sich Frauen das Burnout-Syndrom kaum leisten.

 

Sind sie Mütter, wird immer die Sorge um die Kinder soviel Energie frei setzen, wie grade erforderlich.
Tragen sie verantwortlich zum Lebensunterhalt der Familie bei, werden sie ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen.
Zuzugeben, dass die Belastung nicht mehr machbar ist, wird unmöglich.

 

Ein wichtiger Unterschied der Geschlechter darf hierbei nicht übersehen werden:
Frauen fühlen sich nicht ersetzbar.

 

Müssen sie aber, aufgrund von Erkrankung durch Überlastung, tatsächlich einen Zuständigkeitsbereich abgeben, so empfinden sie das als weitaus schlimmer als den Raubbau an ihrer Gesundheit.
Unternehmerfrauen erkennen sich spätestens hier.

 

Grundsätzlich für alles zuständig was Familie und Betrieb betrifft, schaffen sich Unternehmerfrauen ihre eigenen Welt. Sie sind die Einzelkämpferin, die nicht aus ihrer Haut kann. Zuviel hängt von ihrer Ausdauer, ihrer Energie, ihrer Fähigkeit für Planung und Koordination und ihrer Fürsorge ab.
Die Unternehmerfrau weiß ganz genau was ihr Ausfall für Betrieb und Familie bedeutet. Und da es keine Anerkennung für ihre Leistungen gibt, kann eine Überlastung ebenso wenig anerkannt werden.
Ein Zusammenbruch wird daher auch so lange als möglich hinausgezögert. Es gibt genügend Unterstützung aus der Pharmazie um auch noch die allerletzten Reserven zu mobilisieren.
Drogenabhängigkeit bei Frauen findet sich sicherlich nicht nur in einschlägigen Szenen!

 

Im Familienbetrieb steht die Frau immer an der Seite ihres Mannes. Es ist zwar meist nur die Schattenseite, aber das nimmt sie hin. Sie weiß, dass ihr Verhalten und ihre Leistungen den Erfolg des Betriebes entscheidend beeinflussen. Ihr Leben als Unternehmerfrau ist ihre Berufung. Und dieses Leben muss sie sich selbst einrichten.
Da sie keine Lobby hinter sich hat, die sie vor Überlastung schützen kann, ergibt sie sich ins Unvermeintliche.
Hat sie die Möglichkeit durch Fortbildung berufliche Qualifizierung und damit auch Selbstvertrauen zu erreichen, so muss sie selber sehen, wie sie die Zeit dafür erübrigen kann.
Eine Freistellung gibt es nicht für Unternehmerfrauen. Nach einem langen Tag in der Fortbildung wartet zuhause der Betriebsalltag, der noch zu erledigen ist.
Das gilt natürlich für jede Fehlzeit.
Eine Vertretung für die Unternehmerfrau kann sich kaum ein Familienbetrieb leisten. Und selbst wenn, wird es äußerst schwierig eine Kraft zu finden, die den Aufgaben tatsächlich entsprechen kann. Denn der Dreifachbelastung von unternehmerischem Handeln, Berufstätigkeit und Familienarbeit ist so schnell niemand gewachsen.
Dies zeigt sich auch dann, wenn die Unternehmerfrau an Burn out erkrankt und nicht mehr in der Lage ist, den vielfältigen Anforderungen nach zu kommen.
Im schlimmsten Fall bedeutet das berufliche Aus für die Unternehmerfrau auch das Aus für den Familienbetrieb.

 

In diesem Sinne müssen alle Beteiligten großes Interesse dafür haben, dass Unternehmerfrauen nicht aufgrund von Überlastung für lange Zeit, oder sogar für immer, für Betrieb und Familie ausfallen.
Grundlegende Überlegungen müssen erfolgen, wie mitarbeitende Frauen in Familienbetrieben nachhaltig entlastet werden können.


Es ist bei Weitem nicht damit getan, Weiterbildung und Information anzubieten. Vielmehr müssen Frauen diese Möglichkeiten auch wahr nehmen können, um sich für ihre Arbeit im Betrieb und in der Familie zu rüsten.
Genau wie bei Fremdangestellten muss eine Vertretung angefordert werden können.

Dazu bedarf es vermehrt der Ausbildung von Unternehmerfrauen, die bei Bedarf aus dem Arbeitsmarkt rekrutiert werden können.
Die Problematik ist ja so neu nicht!


Der Beruf der Dorfhelferin wurde für die Ausfallzeiten der Bäuerin geschaffen.
Heute kennen wir die Familienhelferin, die einspringt, wenn Mütter durch Erkrankung oder Kuraufenthalt ausfallen. Die Kosten werden von den Sozialkassen getragen.
Den Antrag auf eine notwendige Kur wird eine Unternehmerfrau aber wohl kaum stellen, den ihre „Helferin“ ist real leider nicht vorhanden.

Überlastung muss daher unbedingt bereits vorab umgangen werden. Gem. den Vorgaben von Gender Mainstreaming muss hierzu das Rollenverhalten hinterfragt werden. Die Gründe für Überlastung müssen offen gelegt werden. Es steht fest, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.
Eine Aufarbeitung des bestehenden Rollenverhaltens ist daher unumgänglich.
 
Die am häufigsten genannte Überlastung machen Unternehmerfrauen an den Anforderungen von übermäßiger Bürokratie fest. Die fortgesetzten Änderung im Arbeits-, Tarif- oder Steuerrecht tragen hierzu entscheidend bei. Sie gehen ebenfalls zu Lasten der Unternehmerfrau. Denn den Veränderungen muss entsprochen werden, notfalls auch in vielen Nachtschichten.

Interessant wäre die Überlegung, ob Bürokratie im jetzigen Umfang überhaupt durchsetzbar wäre, gäbe es die Unternehmerfrauen nicht. Immerhin sind 94,5 % aller Betriebe in Deutschland Familienbetriebe.

 

Unternehmerfrauen müssen auch in der Familienarbeit Entlastung finden.   Ganztagsschulen werden von vielen mitarbeitenden Frauen gefordert. Dadurch könnte das Tagesgeschäft im Betrieb zu verbindlichen Zeiten erfolgen und würde nicht mehrmals durch Fahrdienst und Betreuungszeiten unterbrochen.
Diese Aufgaben werden ganz selbstverständlich Frauen übertragen.
Im Familienbetrieb muss der Chef, der Vater, seinen betrieblichen Verpflichtungen nachkommen können. Seine Arbeitszeit ist kostbar, weil seine Befähigung die Grundlage für die Betriebsführung dar stellt.

 

Überlastung muss nicht immer ausschließlich auf körperlicher Belastung beruhen!
Burn out bezieht immer auch die Reflektion der Lebensumstände mit ein.


Wenn Anerkennung für die erbrachten Leistungen ganz offiziell fehlt, dann bleibt die Sinnfrage nicht aus.
Die fehlende anerkannte Berufsbezeichnung ist ebenso Wegbereiter für Burn out, wie die Diskriminierung im Sozialversicherungsrecht.

 

Unsere Entscheider sollten jetzt nicht darauf vertrauen, dass Frauen langsamer aus brennen als Männer und somit notwendige Änderungen noch aufgeschoben werden können.


Wenn Burn out der Lebensplanung von Unternehmerfrauen zugeordnet werden muss, weil sich keine Veränderungen ergeben, dann wird der Funke der Berufung Unternehmerfrau bald nicht mehr auf die Töchter, Schwiegertöchter und die Partnerinnen in den Familienbetrieben überspringen.

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